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Moderat modernisiert


„Sechs auf einen Streich“: „Tischlein deck dich“, Regie: Ulrich König, Buch: David Ungureit, Kamera: Ludwig Franz, Produktion: Askania Media (ARD/WDR, 20.12.08, 12.03-13.00 Uhr); „Brüderchen und Schwesterchen“, Regie: Wolfgang Eißler, Buch: Gabriele Kreis, Kamera: Florian Schilling, Produktion: studio.tv.film (ARD/MDR, 20.12.08, 13.00-14.00 Uhr); „Der Froschkönig“, Regie: Franziska Buch, Buch: Uschi Reich, Friederike Köpf, Kamera: Alexander Fischerkoesen, Produktion: Bavaria (ARD/SWR, 21.12.08, 10.03-11.00 Uhr); „König Drosselbart“, Regie: Sibylle Tafel, Buch: Anja Kömmerling und Thomas Brinx, Kamera: Armin Alker, Produktion: Kinderfilm (ARD/HR, 25.12.08, 15.05-16.00 Uhr); „Frau Holle“, Regie: Bodo Fürneisen, Buch: Marlis Ewald, Kamera: Sebastian Richter, Produktion: Antaeus Filmproduktion (ARD/RBB, 25.12.08, 16.05-17.00 Uhr); „Das tapfere Schneiderlein“, Regie: Christian Theede, Buch: Dieter und Leonie Bongartz, Kamera: Philipp Timme, Produktion: Zieglerfilm Köln (ARD/NDR, 26.12.08, 14.35-15.35 Uhr); „Dornröschen“, Buch und Regie: Adrend Aghte, Kamera: Stephan Motzek, Produktion: Moviepool, Provobis, SK-Film (ZDF, 24.12.08, 11.10-12.30 Uhr)

epd „Kinder brauchen Märchen“, wusste der große Kinder-Psychologe Bruno Bettelheim; Jahrhunderte nach den Brüdern Grimm zwar, aber Jahrzehnte vor Joanne K. Rowling. Und wer der Meinung ist, in Zeiten der digitalen Effektezauberei könne man mit altmodisch erzählten Geschichten kein Kind mehr hinter dem Ofen hervorlocken, den hat der Kinderkanal vor einigen Wochen eines Besseren belehrt. Ende November 2008 zeigte der KI.KA zum wiederholten Mal „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, die legendäre ostdeutschtschechoslowakische Koproduktion aus dem Jahr 1973: Der Klassiker schlug zur Mittagszeit mit 1,75 Millionen Zuschauern ab drei Jahren sämtliche Vollprogramme aus dem Rennen und erreichte bei den 14- bis 49-Jährigen gar einen Markanteil von sagenhaften 17,5 Prozent.

Normalerweise traut man sich bei ARD und ZDF nicht mal, von solchen Zahlen zu träumen. Aber auch die Neuverfilmungen „Sechs auf einen Streich“ waren immens erfolgreich. So kam ein am ersten Weihnachtstag ausgestrahltes Dreierpack auf Marktanteile von über 20 Prozent (bis zu 3,5 Mio. Zuschauer); nicht nur beim Gesamtpublikum, sondern auch in der jungen Zielgruppe. Und das zu Recht. Die neuen Adaptionen diverser Märchen der Brüder Grimm stellten die vielfach gezeigten „Klassiker“ weit in den Schatten. Mit einer charmanten Mischung aus Werktreue und unterschwelliger Ironie, die sich nur einem älteren Publikum erschließt, haben sechs ARD-Sender jeweils einen Film produzieren lassen. Die Liste der Mitwirkenden ist dabei nicht weniger eindrucksvoll als die Namen der Verantwortlichen hinter den Kameras. Die Heldinnen und Helden entsprechen zwar ihren literarischen Vorbildern, sind aber moderat modernisiert. Auch der Aufwand ist durchaus imposant; mit einem Budget von einer Million Euro für sechzig Minuten bewegen sich die Produktionen im Fernsehfilmbereich.

Gleiches gilt im Übrigen für das jährliche Weihnachtsmärchen des ZDF, „Dornröschen“ (mit Dirk Bach als König), das sich ganz traditionell und ironiefrei am klassischen Märchenfilm orientiert, mit Anna Hausburg jedoch eine ausgezeichnete Darstellerin der ohnehin modern angelegten Titelfigur (Rosa liest da Vinci) zu bieten hat. Der Prinz (Moritz Schulze) hat gleichfalls ein Faible für Erfindungen. Dennoch dauert es viel zu lange, bis ihm endlich dämmert, was man als Zuschauer längst ahnt: dass sich die Dornenhecke vortrefflich mit einem Heißluftballon überwinden ließe (was dann trotzdem schiefgeht). Mit achtzig Minuten ist der Film viel zu lang.

Auch die Qualität der ARD-Filme ist naturgemäß unterschiedlich. In jedem Fall aber sind die Verfilmungen Familienfernsehen im besten Sinne und höchst romantisch. „König Drosselbart“ und mit Abstrichen „Der Froschkönig“ haben alle Zutaten einer romantischen Komödie, die auch im Abendprogramm laufen könnte. Nicht nur aus diesem Grund ist „König Drosselbart“ (HR) der gewissermaßen erwachsenste Film der Reihe; das Drehbuch (Anja Kömmerling und Thomas Brinx) betont ganz offenkundig die Parallelen zu Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“. Vortrefflich ist auch die Auswahl der Hauptdarsteller. Während Ken Duken seinen Prinzen männlich markant spielt, ist Jasmin Schwiers eine entzückende Prinzessin, die aber erst mal lernen muss, ihre Arroganz zu überwinden. Modernste Figur dieser höchst kurzweiligen Produktion der Erfurter Firma Kinderfilm („Blöde Mütze!“, „Die Blindgänger“) ist die von Felicitas Woll verkörperte emanzipierte Schwester des Prinzen.

Nicht minder sehenswert ist „Der Froschkönig“ (SWR). Auch Sidonie von Krosigk (der Zielgruppe als „Bibi Blocksberg“ bekannt) spielt eine selbstbewusste Prinzessin. Der Frosch stammt zwar aus dem Computer, aber dafür ist die Geschichte mit seiner Verwandlung längst nicht zu Ende. Auch wenn die Filme der Reihe tunlichst ohne Accessoires der Neuzeit auskommen sollen, so darf der freche Frosch mit seinen Flossenfingern immerhin das Victory-Zeichen bilden. Die Botschaft, man solle der Stimme seine Herzens folgen und dafür kämpfen, dass das Leben das Schicksal bestimmt (und nicht umgekehrt), ist ohnehin zeitlos.

Eher konventionell und daher vor allem für Kleinere geeignet ist hingegen „Frau Holle“ (RBB, Regie: Bodo Fürneisen). Hauptdarstellerin ist Lea Eisleb, die im Frühjahr 2008 in dem Jugendfilm „Blöde Mütze!“ einen hervorragenden Eindruck hinterließ. Wie bei den Brüdern Grimm verhält sich Marie im bonbonbunten Zauberland der Frau Holle (Marianne Sägebrecht) über die Maßen vorbildlich und wird daher reich belohnt. Dann aber erlaubt sich Autorin Marlis Ewald eine Abwandlung der Vorlage: Maries Schwester Luise (Camille Dombrowsky) kehrt zwar in Sack und Asche heim, bekommt jedoch eine zweite Chance und darf mit einigen guten Taten beweisen, dass sie ihre Lektion gelernt hat.

Ähnlich traditionell und beinahe zu brav hat der MDR „Brüderchen und Schwesterchen“ verfilmen lassen (Regie: Wolfgang Eißler), selbst wenn Andrea Sawatzki mit beängstigend stechendem Blick eine optimale Besetzung für die Hexe ist. Und während die Kinder kein Problem damit haben dürften, dass Schwesterchen (ausgezeichnet gespielt von Odine Johne) auch mal „Okay“ sagt, dürften sie Autorin Gabriele Kreis den Tod eines Rehs nicht so rasch verzeihen.

„Das tapfere Schneiderlein“ (NDR) und „Tischlein deck dich“ (WDR), beides klassische Heldenreisen, sind die kurzweiligsten der sechs Produktionen. Kostja Ullmanns Dauergrinsen legt nahe, dass man den Film über den Schneider, der sieben (Fliegen) auf einen Streich erlegt hat, nicht so ernst nehmen sollte; selbst einer der Riesen beschwert sich, er sei „ekelhaft gutgelaunt“ (Buch: Dieter und Leonie Bongartz). Die Geschichte vom Hochstapler, der im Auftrag des Königs zwei Riesen erlegen sowie ein Einhorn und eine Wildsau fangen soll, ist ebenfalls Romanze, denn am Hof schmachtet die Prinzessin (Karoline Schuch), die eigentlich einem intriganten Minister (Dirk Martens) versprochen ist. Schönste Figur aber ist der unter chronischen Kopfschmerzen leidende König, der dauernd die Redensarten durchein durcheinander bringt („Du Hundertsassa!“) und den Axel Milberg mit sanfter Ironie ausstattet.

Auch in „Tischlein deck dich“ wartet ein Mädchen: Lotte (Linn Sara Reusse) soll einen Bauernsohn heiraten. Der ist zwar der Dorftrottel, aber sein Vater nun mal wohlhabend. Ihr geliebter Max (Remo Schulze, Hauptdarsteller der BR-Kinderserie „Endlich Samstag!“) muss jedoch erst in die Welt hinaus, um sich zu beweisen. Als Schneiderlehrling erfindet er immerhin die Latzhose und kann auf diese Weise Ungemach von seinem Lehrmeister abwenden, denn der dicke „hohe Herr“ (Dietmar Bär) hat nun endlich Hosen, in die er auch reinpasst. Christine Neubauer und Michael Brandner spielen die Wirtsleute angemessen niederträchtig, Ingo Naujoks einen feigen Räuber und Helmut Zierl den Vater, der Max bitter Unrecht tut. Der Film war überaus dicht inszeniert (Ulrich König) und bildete zu Recht den Auftakt dieser sehenswerten Reihe, die nur eine Frage offen ließ: Warum müssen die Menschen in Märchenfilmen immer tanzen?

Tilmann Gangloff

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